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Ausstellungseröffnung

Ausstellungseröffnung – Fotogalerie und Reden



Geburtstagsrede zum 10. Geburtstag von Interkultur – Veronica Abrego

Sehr geehrte Gäste, liebe Freundinnen und Freunde des Vereins Interkultur Germersheim,

In 10 Minuten 10 Jahre Interkultur zu würdigen ist keine leichte Aufgabe. Einerseits weil dieser quirlige, vor Leben sprühende junge Verein sich durch die Unternehmungslust und zahlloser Aktivitäten der Mitglieder auszeichnet (was die Liste der nennenswerten Stationen des Vereinslebens sehr lang macht); anderseits weil man als Mitglied selbst Teil des Stoffes wird, an dem man mit den Anderen zusammen strickt und diese Erzählung keinesfalls objektiv und gefühlsmäßig etwas überflüssig oder übertrieben macht.
Vor 10 Jahren wussten wir, dass das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft und Kulturen eine Herausforderung ist, die vor Ort gelingen soll, damit wir eines Tages sagen können: Wir leben in Frieden auf dieser Welt. Offen, friedlich und zuversichtlich auf einander zuzugehen, in Respekt und Anerkennung – nur wenn ich es mit den Nachbarn schaffe, besteht die Chance, dass die Welt es eines Tages schafft. Eine zu große Nummer, reine Utopie? Keinesfalls, wenn man sieht, wie gut es streckenweise gelingt und wie viel Lernstoff für das eigene Wachstum darin steckt. Nun ja, etwas für Nabelbeschauer und bequeme Geister ist es nicht unbedingt, denn man muss die eigene Komfortzone verlassen und das eigene Schubladendenken und mitgebrachte Konventionen in Frage stellen, wenn man Fremdes wirklich verstehen, wenn man sich auf Anderes einlassen will. Auch wenn man weißt, dass viel Arbeit darin steckt, ist das gute Zusammenleben etwas, dass man bewusst mit Anderen zusammen zum Wachsen bringen kann.
Zusammenleben, ein Leben zusammen, das Leben teilen, sich am Leben beteiligen, am Leben teilhaben, Teilhabe…
Wie haben die Mitglieder des Vereins Interkultur gemeinsam in den letzten 10 Jahren zu einem besseren Zusammenleben in Germersheim beigetragen?
– Im Mittelpunkt unserer Gedanken stehen die Kinder, insbesondere Kinder aus Migrantenfamilien. Auf der Suche nach neuen Strategien für mehr Bildungsgleichheit hat der Verein Interkultur in einer ersten Phase runde Tische mit Erzieherinnen und Politiker organisiert, später Sprachförderkurse in den Germersheimer Kindergärten gestiftet, danach, als das Land Rheinland-Pfalz sein Sprachförderkonzept für das letzte Kindergartenjahr umsetzte, ein 3-jähriges Pilotprojekt unter dem Motto „durchgängige Sprachförderung von Anfang an“ mit den Bereichen Interkulturelle Kommunikation und Frühkindliche Pädagogik der Uni Landau im Kindergarten Regenbogen initiiert, das Erkenntnisse für die gesamte Kindergartenzeit gewinnen soll und zurzeit in der Vorbereitung einer zweiten Phase steht. Gemeinsam mit dem Kinderschutzbund haben wir das erfolgreiche Vorleseprojekt „Germersheim liest vor“ im Jahre 2002 ins Leben gerufen, an dem sich seit letztem Jahr auch der türkische Elternverein beteiligt. Durch unsere Bemühungen wurde in Germersheim das Interesse für das Elternbildungsprogramm HIPPY geweckt, das in der Trägerschaft des Kinderschutzbundes im dritten Jahr besteht.
– Weil Austausch nur möglich ist, wenn es dafür Anlässe gibt, hat Interkultur in den letzten 10 Jahren zahllose Kommunikationsanlässe durch kulturelle Veranstaltungen geboten. Darunter möchte ich zwei Schwergewichte des Vereinsleben herausstreichen: Unsere Teilnahme am Festungsfest mit einem internationalen Bühnenprogramm, das uns viele Besucher beschert, aber uns auch jedes mal von Neuem vor ein großes finanzielles Wagnis stellt, (was die Mitglieder jedesmal dazu bringt, nur am Rande etwas vom Fest mitzukriegen und meistens 3 Tage lang bis zur Erschöpfung zu schuften, damit wir das schultern können). Das internationale Bühnenprogramm ist alle zwei Jahre das Geschenk des Vereins an die Germersheimer und seine Gäste. Das zweite Schwergewicht ist das Hufeisen OpenAir am Abend vor Fronleichnam, an dem wir jährlich unser Flower-Power aufleben lassen. Neben diesen 2 Ereignissen gibt es tausend und eine Idee, die wir in die Tat umsetzen. Vom Origamikurs über interkulturelles Training bis Salsa-Tanzen ist bei uns vieles möglich. Auch zum Beispiel das Ausstellungsprojekt „Heimat finden in Germersheim“.
– Die dritte Ebene unseren Tuns, (weil wir Menschen in einer Gesellschaft sind, ist unser Tun immer auch politisch), ist eben die politische. Darunter möchte ich ein Ereignis aus dem Jahr 2008 hervorheben und an die Kundgebung „Germersheim ist lieber bunt“ erinnern, die wir angestoßen haben und wie kaum ein anderes Ereignis gezeigt hat, das Fremdenfeindlichkeit und Rechtextremismus in unserer Germersheimer Gesellschaft keinen Applaus finden. Was die Neonazis mit ihrem Marsch zum Tag der deutschen Einheit hier zu hören bekamen, war deutlich etwas anderes!
Offen, friedlich und zuversichtlich auf einander zuzugehen, in Respekt und Anerkennung.
Zehn Jahre nach Vereinsgründung kann ich im Namen meiner Vereinsfreunde mit Gewissheit sagen, das Zusammenleben lässt sich bewusst gestalten, und zwar genau dort wo jede und jeder Einzelne von uns sein unverwechselbares Lied singt. Das Zusammenleben lässt sich vor allem so gestalten, dass jede und jeder darin einen Platz hat und diesen einnehmen kann. Und es lässt sich so gestalten, dass die Zukunft Utopien vielleicht Wirklichkeit werden lässt.
In diesem Sinne, alles Gute zum Geburtstag, Interkultur!



Entstehung der Ausstellung – Claude Annie Dumora

Vor 15 Jahren bin ich nach Germersheim gezogen. Mich zog dieses Städtchen an mit seinen vielen bunten Menschen, kleinen Gassen und malerisch ungeleckten Ecken, die einen südländischen Charme verströmen. Hier, dachte ich, kann ich mich wie zu Hause fühlen.

Im Laufe der Zeit bekam ich den Eindruck, von den vielen bunten Menschen werde nur geredet oder geschrieben, wenn irgendwelche Probleme auftauchen. Mich wunderte, dass die Kinder und Kindeskinder der Eingewanderten immer noch als „Ausländer“ gesehen wurden, obwohl sie hier geboren, bzw. aufgewachsen waren, also längst „Inländer“ waren. Ich wurde das Gefühl nicht los, den Menschen, die hierher einwanderten, werde nicht die Anerkennung gezollt, die ihnen zusteht, ihre Leistung nicht genügend gewürdigt.

So entstand die Idee, ein Projekt ins Leben zu rufen, das diesen Menschen eine Stimme verleihen und die Ehre erweisen sollte. Gedacht, gesagt und dank Interkultur Germersheim auf die Schienen gebracht. Meine Idee verwandelte sich zur ausgewachsenen Aufgabe. Wenn ich im Voraus gewusst hätte, wie viel Arbeit auf mich zukommt!

Wir fingen zu dritt an: Verónica Abrego, Vorsitzende vom Verein Interkultur Germersheim, Monika Kleebauer vom Chawwerusch Theater, die das Projekt professionell geleitet hat, und ich. Uns war klar, wir wollen nicht über Einwanderer schreiben, sie sollen selber zu Wort kommen. Wir wollen sie bitten, uns ihre Erinnerungen, ihre Gedanken anzuvertrauen. Wir überlegten, welche Fragen wir stellen wollen, machten uns auf die Suche nach Menschen, die Lust haben, andere zu interviewen, nach Menschen, die damit einverstanden waren, Fragen zu ihrem ganz persönlichen Leben zu beantworten, und nach anderen, die bereit waren, diese Texte zu übersetzen. An die 150 Personen waren bereit, mit uns zusammen das Projekt zu verwirklichen. Uns wurden 240 Seiten voller Leben geschenkt. Daraus haben wir eine kleine Auswahlbroschüre erstellt, die Sie für 3 € erwerben können. Einige Auszüge bekommen Sie später zu hören.



Rede zur Ausstellungseröffnung – Monika Kleebauer

Als Claude mich fragte, ob ich bei diesem Projekt mit machen möchte, habe ich sofort zugesagt. Ich bin Theaterfrau – mich interessieren Menschen und ihre Geschichten.

Menschen und ihren Geschichten zuzuhören, zu hören heißt: sich für andere Menschen aufrichtig interessieren. Zuhören können ist m. M. nach die Voraussetzung, um in einen Dialog zu treten. In einen echten Dialog – auf Augenhöhe.

Die Ausstellung, in die sie jetzt gleich eintreten werden, ist das Ergebnis eines vielfältigen Dialoges unzähliger Menschen – Jungen und Alten, Männer und Frauen, Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen – interkulturell im wahrsten Sinne des Wortes.
Es gab keinen Kurator, der bestimmt hat, welche „Kunst-Werke“ ausgestellt werden dürfen. Sondern es gab viele engagierte Gespräche zwischen uns Ausstellungsmacherinnen und Ausstellungsmachern – und ein gemeinsames Ringen um Inhalte, Schwerpunktsetzungen und ästhetische Ausdruckformen.

Angefangen haben wir – eine interkulturelle Projektgruppe – letzten August. Da sind wir – gemeinsam mit Marianne Jensen, einer bildenden Künstlerin – hier in den Räumen der ehemaligen Standortverwaltung zum ersten Mal gewesen. Haben uns inspirieren lassen von der Atmosphäre, haben Ideen gesponnen – manche verrückt wie z.B.: der Fußboden des Flurs wird mit Sand bedeckt – aber wenn ich mir jetzt die Räume so anschaue, so ist doch vieles von den Anfangsideen in die Tat umgesetzt worden, auch wenn sich vieles im Projekt-Prozess noch verändert hat
Es gab acht Zimmer und einen Flur zu füllen. Wie können wir Lebensgeschichten von MigrantInnen und Migranten sichtbar oder hörbar machen? Wie und mit was? Wie könnte ein roter Faden aussehen? Das waren die Fragen, die uns in den letzten Monaten beschäftigt haben.

Jedes Zimmer und der Flur bekam eine thematische Schwerpunktsetzung für die Kleine Gruppen verantwortlich waren.
In der Ausstellung finden Sie nun vielfältige Lebensspuren – von Schuhgeschichten, verborgenen Erinnerungswelten, Postkarten aus Germersheim, einem Unterkunfts – Provisorium, Hörbeispielen aus unseren Interviews. Im Flur begrüßen Sie Germersheimer Gesichter –
Aber es geht nicht nur um Erinnerung und Geschichten aus der Vergangenheit, sondern auch um Gegenwart und Zukunft:
Im Flur begrüßen sie Germersheimer Gesichter – eine bunte Mischung– Postkarten zeigen den 1. Blick auf Germersheim auf sehr ungewöhnliche Weise.
Ein Festtisch ist für alle gedeckt, die hier leben – und es ist sogar noch Platz für Neuankömmlinge.
Jugendliche, Schul- und Kindergartenkinder haben bei unserem Projekt mitgemacht – mit Filmen, Bildern, Fotos und Objekten.
Und: neben all diesen sehr persönlichen finden Sie auch „nackte Tatsachen“: An unsern Haltestellen Migration können Sie „Geschichte zum Abreißen“ mit nachhause nehmen – spannendes Zahlenmaterial und Aussagen zur Geschichte der Migration in der BRD, Rheinland-Pfalz und Germersheim.

Was Ihnen also heute in unserem Heimatmuseum der besonderen Art präsentiert wird, sind wahre Schätze:
Wir wünschen uns, dass jetzt – im Wonnemonat Mai unsere Ausstellung zu einem Ort der Begegnung wird von möglichst vielen Menschen.

Germersheim ist ein Ort, der vielen Menschen Heimat sein kann
Ein wenig ist mir Germersheim in den letzten zwei Jahren zur zweiten oder dritten?
Heimat geworden.

Eine Heimat? Nein viele. Und das ist gut so?



Gedicht – Tatjana Zander-Walter

Ich erinnere mich, als ich klein war, bin ich bevor wir in den Kindergarten gingen, in unseren Hof hinausgelaufen und habe mit geschlossenen Augen ganz tief Luft geholt. Im Sommer roch die Luft am schönsten. Sie roch frisch und kitzelte in der Nase mit Versprechungen. Die aufgehende Sonne füllte die Luft mit noch verschlafener Wärme, die zur Mittagszeit ihre volle Kraft entfalten sollte. Die Luft roch nach etwas feuchter Erde, und das gab einem das Gefühl der Geborgenheit. Die Erde, die uns trägt und ernährt, lebte! Ich liebte es auch, mit meiner Nase die Astern auf Mutters Blumenbeet zu begrüßen. Die Erdbeeren aus dem Garten. Sogar die Gurken konnte man an einem frühen Sommermorgen riechen. Nur zu dieser Tageszeit rochen die Gurken auf eine Zwei- bis Drei-Meter-Entfernung! Und manchmal, nicht immer, nur manchmal traute ich mich, den Morgentau von den Blättern der Blumenranke an unserem Tor abzulecken. Natürlich nur, wenn meine Mutter das nicht mitbekam.
Das war damals. Das war dort. In Omsk.
Heute bin ich erwachsen. Manchmal auf dem Weg zur Arbeit an einem frühen Sommermorgen muss ich anhalten, obwohl ich – wie meistens – spät dran bin. Für zwei Sekunden muss ich meine Augen schließen und schnuppern. Was war das? Etwas Vertrautes! Stehe ich gerade an einem Garten, in dem Astern wachsen? Gurken? Erdbeeren? Riecht es nach feuchter Erde? Und dann öffne ich die Augen und sehe die Sonne, die unter ihrer Wolkendecke verschlafen ihre Sonnenstrahlen zur Erde streckt. Und auf meiner Zunge entdecke ich den unsichtbaren Geschmack des Morgentaus. Dann muss ich lächeln. Im Ernst.
Das ist heute. Das ist hier. In Germersheim.



Gedicht „Germersheim, du Babbelbabel“ – Michael Bauer

Du Germersheim

Germersheim, du Dönerladen,
Miniwolgarepublik.
Über deinen Dächern Schwaden
alter Militärmusik.

Germersheim, du Babbelbabel,
Stadt mit allem, Stadt mit Strom
Oh du Pfälzer Welten-Nabel
fast so wie ein kleines Rom.

Live-Events in graden Straßen
Aufgeweckt und doch verpennt
Viel Geruch für viele Nasen
Tücher aus dem Orient.

Internationaler Asta
– multilingualer Sound-
sitzt beim Pino seiner Pasta
zu dem Ess- und Talk- around.

Nach Mohammed und nach Jesus
Teils nach Allah, teils nach Gott
klingen fromme Zwischenlieder
provinziell und polyglott.

Auf dem Rhein ein Riesentanker
zieht gemächlich Richtung Meer
und am Ufer ein Sri Lanker
blickt ihm traurig hinterher.

Germersheim du Wunderwaffel
pfleg dein vielstimmiges Reden
mit viel Couscous und Falaffel
an dem großen Tisch für jeden.

»  Heimat finden in Germersheim  - Projektträger: Interkultur Germersheim e.V.
© Verein Interkultur Germersheim e.V.